Zensur in Disneys "Lustigen Taschenbüchern"

Ein betrunkener Micky oder Donald in Zwangsjacke im Comic untragbar

14.02.2010 Rainer Innreiter

Schnipp-schnapp! Auch in Disney-Comics wurde Zensur betrieben. Alkohol, Zigaretten oder Gewaltdarstellungen fanden in den "Lustigen Taschenbüchern" manchmal keinen Platz.

Mit dem Thema Zensur verbinden die meisten Bürger Indizierungen von „Killerspielen“ oder Horrorfilmen aus Gründen des Jugendschutzes. Tatsächlich aber zog und zieht dieses mitunter heftig diskutierte Reizthema viel weitere Kreise, als man gemeinhin annehmen würde. Selbst in manchen Comics des harmlos und friedlich scheinenden Entenhausen-Universums aus den beliebten „Lustigen Taschenbüchern“ wurden grafische und inhaltliche Änderungen vorgenommen.

Die Gründe hierfür sind vielfältig, lassen sich aber auf einen gemeinsamen Kern zurückverfolgen: Nicht nur die Zeiten, auch der Zeitgeist unterliegt steten Wandlungen. Was einstmals als gesellschaftlich akzeptabel toleriert wurde, kann Jahrzehnte später zutiefst verpönt sein.

Donalds Griff in die Steckdose: Bitte nicht nachmachen!

Der wohl berühmteste Fall von Zensur in einem „Lustigen Taschenbuch“ war zunächst gar keiner. Im siebenten Band der Reihe mit dem damaligen Titel „Donald in 1000 Nöten“ (In der Neuauflage: „Auf der Suche nach dem Füllhorn“) wird ein noch schlaftrunkener Donald Duck von einem angeblichen Mitarbeiter des Elektrizitätswerks gebeten zu überprüfen, ob seine Steckdose funktioniere, indem er seine Finger hineinstecke. Tatsächlich leistet Donald der Bitte Folge, was natürlich in einem Stromschlag mündet, der den naiven Faulpelz zu Boden streckt.

In der Zweitauflage und sämtlichen weiteren Nachdrucken wurden sowohl die Dialoge, als auch die Bilder verändert. Offenbar steckte dahinter die Furcht, Leser können es der beliebten Comicfigur nachmachen. Verständlicherweise gilt daher die Erstauflage von „Donald in 1000 Nöten“ als kostbarstes Sammlerstück neben „Der Kolumbusfalter“.

Paradoxerweise kann die zensurierte Version durch ihren ganz eigenen schrägen Humor überzeugen: Anstatt Donald zu dummem Verhalten zu animieren, gibt sich der Anrufer als Mitarbeiter der Störungsstelle aus, die seine Leitung überprüfen müsse. Diese sei nämlich zu lang, was Donald unfreiwillig bestätigt, indem er stundenlang am Telefonhörer verharrt, bis er erschöpft in Ohnmacht fällt.

Rauchverbot in Entenhausen

Der Kampf gegen den Blauen Dunst wurde auch in Entenhausen erbittert geführt. Das Rauchen von Zigaretten oder Zigarren zählte in Comics wie auch Trickfilmen (etwa „Tom und Jerry“) zu den Selbstverständlichkeiten des Alltags. In der Geschichte „Goofy und die Erbschaft von Goofy Goofinger“ – zu finden im Band „Micky ist der Größte“ – mussten wesentliche Plotelemente verändert werden, um den Blauen Dunst zu verbannen.

Aus Zigaretten wurden Pralinen, Zigarettenschachteln firmierten als Pralinenschachteln und der Tabakladen wurde in ein Süßwarengeschäft umgewidmet. Dem witzigen Comic schadeten die pädagogischen Eingriffe natürlich trotzdem im keiner Weise.

Ausgerechnet Saubermann Micky sternhagelvoll

Mitunter sorgen diese Eingriffe jedoch für Verwirrung unter den Lesern oder ergeben keinerlei Sinn. Besonders drastisch zeigt sich dies in jenen zahlreichen Fällen, bei denen Schusswaffen wegretuschiert wurden, woraufhin etwa Donald auf Grund eines gezückten Zeigefingers zu schlottern beginnt oder Polizisten flüchtenden Verbrechern gleichfalls mit ausgestreckten Zeigefingern „drohen“.

In die Kategorie „verwirrend“, wenngleich auch amüsant, reiht sich die Geschichte „Micky rettet das Korallenkänguruh“ aus dem Band „Micky der Westernheld“ ein. In der betreffenden Stelle bewirbt sich Micky bei einer Brauerei als Biertester einer angeblich alkoholfreien Sorte Bier. Später wankt er jedoch sternhagelvoll auf die Straße hinaus, steigt auf der Rückbank seines eigenen Wagens ein, den er für ein Taxi hält, und nennt dem nicht existenten Fahrer seine Wohnadresse. Danach schläft er seinen Rausch aus und wird von Goofy geweckt.

In der deutschsprachigen Version testet Micky Limonade, die ihm laut Text Schluckauf und einen schweren Magen beschert, was ihn so müde macht, dass er kurz darauf im Wagen einschläft. Die Mimik und der schwankende Gang des Mäuserichs sprechen jedoch eine klare Sprache.

Auch in den Comics ändert sich der Zeitgeist

Was diese lediglich exemplarisch angeführten Beispiele von Zensur zeigen ist, dass auch Comics den Gesetzmäßigkeiten des Zeitgeistes unterliegen. Wenn etwa Donald im „Irrenhaus“ in eine Zwangsjacke gesteckt wird, verrät dies viel über den gesellschaftlichen Hintergrund zum Veröffentlichungszeitpunkt des jeweiligen Comics. Aus dieser Perspektive betrachtet eignen sich auch die „Lustigen Taschenbücher“ als Gradmesser für gesellschaftliche Veränderungen, denen sich selbst das fiktive Entenhausen nicht verschließen kann.

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